Als Autorin dieses Blogs und jemand, der Prostatakrebs in der Familie erlebt hat, bekomme ich oft Fragen zu Medikamenten, Nahrungsergänzungsmitteln und möglichen Wechselwirkungen mit onkologischen Therapien. Eine sehr häufige Sorge lautet: Was passiert, wenn ich Statine nehme und zusätzlich pflanzliche Präparate wie Saw Palmetto oder andere pflanzliche Mittel einnehme – und wie verträgt sich das mit einer Krebsbehandlung? In diesem Beitrag fasse ich das Wichtigste zusammen, erkläre Mechanismen verständlich und gebe praktische Hinweise, wie Sie Risiken minimieren können.

Warum sind Wechselwirkungen überhaupt relevant?

Wechselwirkungen können die Wirkung von Medikamenten abschwächen oder verstärken, unerwartete Nebenwirkungen auslösen oder Laborwerte verfälschen. Bei onkologischen Therapien ist das besonders kritisch: Hier kann eine verringerte Wirksamkeit die Krebsbehandlung beeinträchtigen, eine verstärkte Toxizität aber schwere Nebenwirkungen verursachen. Viele Krebsmedikamente werden über die Leberenzyme (insbesondere das Cytochrom-P450-System, z. B. CYP3A4) verstoffwechselt. Auch viele Statine und pflanzliche Präparate beeinflussen diese Enzyme – daher ist Vorsicht geboten.

Statine: Was ist wichtig?

Statine (z. B. Simvastatin, Atorvastatin, Rosuvastatin, Pravastatin) werden zur Senkung des Cholesterins eingesetzt. Wichtige Punkte:

  • Viele Statine (vor allem Simvastatin, Atorvastatin) werden über CYP3A4 metabolisiert. Medikamente, die CYP3A4 hemmen, können den Statinspiegel erhöhen und das Risiko für Muskelschäden (Myopathie, selten Rhabdomyolyse) steigern.
  • Rosuvastatin und Pravastatin sind weniger stark über CYP3A4 abhängig und daher oft die bessere Wahl, wenn Wechselwirkungsrisiko besteht.
  • Statine selbst können in Studien mit einem leicht positiven Einfluss auf das Krebsprogressionsrisiko verbunden worden sein, aber das ist nicht eindeutig und reicht nicht, um sie als Krebsmedikament zu empfehlen.
  • Onkologische Therapien: Wo treten Wechselwirkungen auf?

    „Onkologische Therapien“ umfassen klassische Zytostatika, hormonelle Therapien (z. B. GnRH-Analoga, Abirateron, Enzalutamid), zielgerichtete Therapien (Tyrosinkinase-Inhibitoren, mTOR-Inhibitoren) und Immuntherapien. Einige Beispiele wichtiger Interaktionen:

  • Enzalutamid ist ein starker Induktor von CYP-Enzymen und kann die Plasmaspiegel anderer Medikamente, darunter Statine, deutlich senken – das kann die Cholesterinkontrolle erschweren.
  • Abirateron wird zusammen mit Kortison gegeben; Wechselwirkungen über Steroidstoffwechsel sind möglich.
  • Viele zielgerichtete Medikamente und Kinase-Inhibitoren werden über CYP3A4 metabolisiert und reagieren empfindlich auf Zunahme/Abnahme von Enzymaktivität.
  • Deshalb ist es wichtig, die genaue onkologische Medikation zu kennen, um mögliche Interaktionen einschätzen zu können.

    Saw Palmetto und andere pflanzliche Präparate: Wie stark ist das Risiko?

    Saw palmetto (Serenoa repens) wird häufig bei gutartiger Prostatahyperplasie (BPH) eingesetzt. Was man wissen sollte:

  • Die Evidenz für klinisch relevante Wechselwirkungen von Saw Palmetto ist begrenzt. Im Gegensatz zu Johanniskraut (Hypericum perforatum) ist Saw Palmetto kein starker Induktor von CYP-Enzymen.
  • Bei einzelnen Patienten wurden jedoch Blutungsrisiken beschrieben, insbesondere in Kombination mit gerinnungshemmenden Medikamenten (z. B. Warfarin, DOAKs). Das könnte relevant werden, wenn im Therapieplan gerinnungsrelevante Eingriffe anstehen.
  • Saw Palmetto kann die PSA-Werte leicht beeinflussen – es gibt Hinweise, dass BPH-Mittel PSA senken können. Das ist klinisch relevant, weil PSA ein wichtiger Marker zur Verlaufskontrolle von Prostatakrebs ist.
  • Andere pflanzliche Mittel wie Johanniskraut sind dagegen sehr problematisch: Johanniskraut induziert CYP-Enzyme stark und kann die Wirksamkeit vieler Krebsmedikamente drastisch vermindern. Deshalb rate ich ausdrücklich, Johanniskraut bei Krebs oder während einer Krebsbehandlung zu meiden.

    Konkrete Wechselwirkungsbeispiele

    Medikament/PräparatMögliche WechselwirkungPraxisempfehlung
    Simvastatin + CYP3A4-Hemmer (z. B. bestimmte Antimykotika, einige Kinase-Inhibitoren)Erhöhtes Myopathie-RisikoAuf statinverträgliche Alternative umstellen (z. B. Pravastatin) oder Dosis reduzieren, engmaschig überwachen
    Enzalutamid + StatineEnzalutamid kann CYPs induzieren → niedrigere StatinspiegelTherapiekontrolle (LDL), ggf. Dosisanpassung
    Saw Palmetto + AntikoagulanzienErhöhtes Blutungsrisiko möglichVor OP/biopsie abklären; mit Arzt/Pharmazeut besprechen
    Saw Palmetto + PSA-MessungLeichte PSA-Senkung möglich → verfälschte VerlaufskontrolleArzt informieren, ggf. Präparate vor PSA-Kontrolle pausieren
    Johanniskraut + viele onkologische WirkstoffeStarke Enzyminduktion → verringerte WirksamkeitNicht verwenden während Krebstherapie

    Weitere pflanzliche Präparate, auf die Sie achten sollten

    Neben Saw Palmetto gibt es eine Reihe anderer Präparate, die relevant werden können:

  • Curcumin/Turmeric: Wird oft zur Entzündungsreduktion eingenommen. Kann in hohen Dosen Gerinnungshemmung verstärken und mit Chemotherapien interferieren. Daten sind uneinheitlich.
  • Ginkgo biloba: Potenzielles Blutungsrisiko in Kombination mit Antikoagulanzien.
  • Knoblauchpräparate (Allicin): Ebenfalls potenziell blutungsfördernd bei hoher Dosierung.
  • Vitamin- und Mineralstoffpräparate: Manche Antioxidantien könnten die Wirksamkeit bestimmter Chemotherapien beeinträchtigen – hier ist Vorsicht und Absprache ratsam.
  • Praktische Tipps für den Alltag

  • Führen Sie eine vollständige Liste aller Medikamente, rezeptpflichtig und frei verkäuflich, inklusive Nahrungsergänzungsmitteln und pflanzlichen Präparaten. Zeigen Sie diese Liste immer Ihrem Onkologen, Urologen und Apotheker.
  • Stoppen Sie keine Medikamente eigenmächtig – das gilt besonders für Statine und onkologische Medikamente. Besprechen Sie Änderungen vorher mit dem Behandlungsteam.
  • Informieren Sie sich über Alternativen: Wenn ein Statin mit Ihrer Krebstherapie gefährlich interagiert, kann oft auf ein weniger interagierendes Statin (z. B. Pravastatin, Rosuvastatin) gewechselt werden.
  • Vor geplanten Eingriffen (z. B. Biopsie) klären, ob pflanzliche Präparate vorübergehend abgesetzt werden sollten (häufig empfohlen: 7–14 Tage vor Eingriff, je nach Präparat).
  • Lassen Sie relevante Laborwerte (Leberwerte, CK, PSA) regelmäßig kontrollieren, besonders nach Beginn neuer Medikamente oder Supplemente.
  • Ich habe in Gesprächen mit Betroffenen oft erlebt, wie gut gemeinte Ergänzungsmittel zu Unsicherheit führen können. Meine zentrale Botschaft ist: Offenheit und Kommunikation mit dem Behandlungsteam sind entscheidend. Bringen Sie Ihre Fragen, auch zu „harmlosen“ Pflanzenprodukten, aktiv vor – viele Probleme lassen sich durch kleine Anpassungen oder Überwachungsmaßnahmen vermeiden.

    Wenn Sie möchten, kann ich in einem weiteren Beitrag typische Kombinationen aus Ihrer Medikamentenliste durchgehen oder erklären, wie ein Medikationsplan für Kliniktermine aufgebaut sein sollte. Schreiben Sie mir gern über das Kontaktformular auf https://www.as-bei-prostatakrebs.de – ich antworte so praxisnah wie möglich.