Nach einer Prostatektomie war eine meiner größten Sorgen nicht nur die Frage nach Kontinenz oder Erektionen, sondern auch: Haben die Nerven, die wichtige Funktionen steuern, Schaden genommen? Früh erkannte Nervenschäden lassen sich oft besser behandeln oder zumindest gezielt überwachen. In diesem Text erkläre ich aus meiner Perspektive, welche frühen Anzeichen auf Nervenschäden nach einer Prostatektomie hinweisen können und welche Untersuchungen sinnvoll sind, um Klarheit zu bekommen.

Woran ich frühe Nervenschäden erkenne

Bei vielen Betroffenen äußern sich Nervenschäden zuerst subtil. Bei mir und vielen Betroffenen, mit denen ich gesprochen habe, waren die ersten Hinweise:

  • plötzliche oder anhaltende Gefühlsstörungen im Genitalbereich (Taubheit, Kribbeln, „Ameisenlaufen“),
  • veränderte Empfindung am Penis, am Damm oder im Bereich des Anus,
  • ungewöhnliche Schmerzen im Becken, die brennen oder stechen,
  • neu aufgetretene Probleme mit der Erektion, die nicht zur normalen postoperativen Erholungsphase passen,
  • veränderungen beim Wasserlassen oder untypische Harninkontinenz, die mit Gefühlsverlust kombiniert ist,
  • Plötzliche Sensibilitätsverluste beim Sex oder beim Urinieren.
  • Wichtig ist: Nicht jede Reduktion der Empfindung ist ein dauerhafter Nervenschaden – oft gibt es postoperativ eine reversible Nervenreizung. Entscheidend ist die Dauer der Beschwerden (wenn sie über einige Wochen persistieren) und ob sie sich verschlechtern.

    Erste Schritte: Wann ich den Arzt aufsuchen würde

    Ich empfehle, frühzeitig mit dem operierenden Urologen zu sprechen, sobald die Symptome auffallen. Fragen, die ich im Gespräch stelle oder empfehlen würde zu stellen:

  • Kann die Symptomatik normaler Heilungsprozess sein oder ist ein Nervenschaden wahrscheinlich?
  • Welche Untersuchungen schlagen Sie vor?
  • Soll ich zu einem Neurologen, Beckenboden-Therapeuten oder Schmerztherapeuten überwiesen werden?
  • Welche Behandlungsoptionen gibt es in der Frühphase (Physiotherapie, Neurostimulation, Medikamente)?
  • Welche Tests ich als sinnvoll erachte

    Es gibt eine Reihe von Untersuchungen, die helfen, Nervenschäden objektiv nachzuweisen oder auszuschließen. Welche Tests notwendig sind, hängt von der Symptomatik ab. Ich liste hier die häufig genannten und meine Einschätzung dazu:

    Test Was er misst Wann er sinnvoll ist
    Neurologische Untersuchung Kraft, Reflexe, Sensibilität im Beckenbereich Immer als erster Schritt
    Bulbocavernosus-Reflex (BCR) Reflexantwort der Beckenbodenmuskulatur bei Stimulation Bei Sensibilitätsverlust oder Stuhlluft-/Stuhlinkontinenz
    Elektromyographie (EMG) und Nervenleitgeschwindigkeit (NLG) Funktion von Nerven und Muskeln (z. B. Pudendusnerv) Bei Verdacht auf periphere Nervenschädigung
    Quantitative Sensory Testing (QST) Feinere Messung von Temperatur- und Berührungsempfinden Wenn subtile Sensibilitätsveränderungen vorliegen
    Penile Doppler / Duplex-Sonographie Durchblutung des Penis, Hinweis auf vaskuläre Ursachen Wenn Erektionsstörungen im Vordergrund stehen
    Nocturnal Penile Tumescence (NPT) Nachtschlafbedingte Erektionen (neural vs. vaskulär) Zur Unterscheidung zwischen nervalen und vaskulären Ursachen
    Psychometrische Fragebögen (z. B. IIEF) Subjektive sexuelle Funktion Zur Basislinie und Verlaufskontrolle

    Wie ich die Tests priorisieren würde

    Ich würde in dieser Reihenfolge vorgehen:

  • Erstgespräch und klinische neurologische Untersuchung beim Urologen/Neurologen,
  • Bei Hinweisen auf sensorische oder motorische Störungen: EMG/NLG (insbesondere Pudendusnerv),
  • Bei vorwiegenden sexuellen Funktionsstörungen zusätzlich Penile Doppler und ggf. NPT,
  • Bei unklaren Sensibilitätsstörungen: QST; bei Verdacht auf Reflexstörung: Bulbocavernosus-Reflex.
  • Häufig arbeiten Urologen und Neurologen in solchen Fällen zusammen. Eine gezielte Überweisung spart Zeit.

    Welche Spezialisten ich aufsuchen würde

    Je nach Ergebnis sind folgende Fachrichtungen hilfreich:

  • Urologie (operative Nachsorge, Erektionsstörungen),
  • Neurologie (elektrophysiologische Tests, Differenzialdiagnose),
  • Physiotherapie/Beckenbodentherapie (sowohl für Inkontinenz als auch zur Neuromodulation),
  • Schmerztherapie/Neuropathiespezialist (bei neuropathischen Schmerzen),
  • Psychosexuelle Beratung (bei emotionalen Folgen und Paartherapie).
  • Therapeutische Optionen, die ich in Erwägung ziehen würde

    Früh erkannte Nervenschäden lassen sich oft besser beeinflussen. Optionen, die mir empfohlen wurden oder die ich recherchiert habe:

  • konservative Maßnahmen: gezielte Beckenbodenübungen, Physiotherapie, Elektrotherapie,
  • medikamentös: neuropathische Schmerzmittel (z. B. Gabapentin), entzündungshemmende Strategien,
  • neurostimulation: Sakrale Neuromodulation oder periphere Nervenstimulation in ausgewählten Fällen,
  • rekonstruktive/operative Maßnahmen: selten, nur bei klar dokumentiertem, nicht reversibel geschädigtem Nerv und nach interdisziplinärer Abwägung.
  • Wichtig ist für mich: In der Frühphase kann konsequente Therapie Rehabilitationschancen verbessern. Geduld und regelmäßige Kontrolle sind entscheidend.

    Praktische Tipps für den Termin und die Nachsorge

    Damit ich im Gespräch mit Ärzt:innen nichts vergesse, bereite ich Folgendes vor:

  • Symptomtagebuch (seit wann, Häufigkeit, Auslöser, begleitende Beschwerden),
  • konkrete Fragen an den Arzt,
  • Auflistung aller bisherigen Befunde und OP-Berichte (OP-Bericht der Prostatektomie ist oft sehr hilfreich),
  • ggf. Fotos oder Skizzen, die das betroffene Gebiet zeigen,
  • Notieren von Medikamenten und früheren Therapieversuchen.
  • Abschließend ein Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Wenn Sie neue oder sich verschlechternde Sensibilitätsstörungen, starke Schmerzen oder Probleme beim Wasserlassen haben, sollten Sie zeitnah Ihre Ärztin oder Ihren Arzt aufsuchen. Ich begleite das Thema auf meinem Blog weiter und freue mich über Erfahrungen und Fragen von Betroffenen.